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11.03.2010 aus msn Nachrichten Link zu msn

Türkische Ministerin hält Schwulsein für krank

Die türkische Familienministerin hat in der islamisch geprägten Regierung einen Streit ausgelöst, weil sie Homosexualität für eine Krankheit hält, die behandelt werden müsse. Andersartige Sexualität ist in der Türkei ein heikles Thema. Die Intoleranz endete schon mehrmals tödlich

Foto: dpa

Seit einigen Tagen streiten türkische Minister um das Wesen der gleichgeschlechtlichen Liebe. Die Familienministerin der islamisch geprägten Regierung, Selma Aliye Kavaf, erklärte in einem Interview mit der Zeitung „Hürriyet", Homosexualität sei eine „Krankheit" und müsse „behandelt" werden.
Der Reporter hatte sie nach ihrer Meinung über Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gefragt, und dies war ihre Begründung für die Antwort, sie habe „keine positive Meinung" über solche Ehen.
Da sie Schwulsein als Krankheit bezeichnet hatte, fühlte sich ihr Kabinettskollege Recep Akdag angesprochen, der Gesundheitsminister. Denn wenn Homosexualität eine Krankheit ist, dann wäre ja wohl sein Ressort gefragt, um sie zu bekämpfen

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Foto: ap

Akdag ließ die Kollegin wissen, dass Homosexualität als gesellschaftliches Problem eher in ihren Bereich gehöre: Es sei ein Fall für „Freiheiten" - also Toleranz und Gleichberechtigung.
Nun wartet man in der Türkei gespannt, ob sich Ministerpräsident Erdogan in den Streit einschaltet - er hatte Akdag schon früher gemaßregelt, als der zu Impfungen gegen die Schweinegrippe aufrief. Erdogan sprach sich damals dagegen aus und sagte, die Impfstoffe seien zu riskant.

Islamisierung - das Ringen um die türkische Seele

Dänen entschuldigen sich für Karikatur-Kränkung

Die Türkei ist ein seltsames Land, wenn es um Homosexualität oder überhaupt „andersartige" Sexualität geht. Istanbul ist eine der größten und turbulentesten Schwulenszenen Europas. Transsexuelle Showstars erfreuen sich beachtlicher Beliebtheit quer durch alle Gesellschaftsschichten, beispielsweise die Sängerin Bülent Ersoy. Vor zwei Jahren musste sie vor Gericht, aber „nur" weil sie eine Offensive der Armee gegen die PKK kritisiert hatte.
Andererseits toleriert die Gesellschaft solche Menschen in der eigenen Familie nicht, und auch nicht in der Nachbarschaft. Die Probleme wachsen, seit die religiös geprägte Regierungspartei AKP an der Macht ist, deren Anhänger oft so denken wie Familienministerin Kavaf. Nur dass sie es nicht „Krankheit" nennen, sondern „Schande". Im Januar kam es zum ersten dokumentierten „Ehrenmord" an einem Homosexuellen - sein Vater reiste 900 Kilometer aus der Provinz an, um seinen 26-jährigen Sohn Ahmet Yildiz zu erschießen.
Besonders brutal trifft die neue Intoleranz Transsexuelle - acht wurden seit 2008 ermordet, sagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, allein zwei im Februar. Offenbar führt die neue Religiosität in der Türkei zu mehr Gewalt gegen Homo- und Transsexuelle.
Der Staat beschäftigt sich bislang höchstens dann mit der Frage, wenn solche Mordfälle vor Gericht kommen, oder die Justiz mal wieder eine Schwulenorganisation schließen will. Insgesamt fünf solche Organisationen mussten bislang vor Gericht um ihr Existenzrecht kämpfen, weil sie laut Staatsanwaltschaft „gegen die moralischen Prinzipien der Türkei" verstoßen. Es spricht für das Land, dass bislang keiner der Schließungsanträge zum Verbot führte. Nicht alle Verfahren sind abgeschlossen.
Eine gesellschaftliche Debatte über das Thema ist längst überfällig, schon um das Land von seiner schizophrenen Haltung gegenüber Homosexuellen zu befreien. Wer weiß, vielleicht löst der Ministerstreit diese Diskussion jetzt aus.
Freilich täte eine solche Debatte auch vielen Homosexuellen selbst gut. Das Wort ist so verpönt, dass in der Türkei selbst Schwule sich nicht als Homosexuell verstehen, solange sie den „aktiven" Part beim Geschlechtsverkehr übernehmen. Ähnlich sieht man es in der Gesellschaft - so richtig „Schande" bringt nur der passive Homosexuelle über sich und seine Familie.

09.06.2011

Zehn Jahre «schwuler Sommer» in Deutschland

Liebe und Liberalität liegen in der Luft im Sommer 2001. Alles scheint möglich - und die Sonne rosarot. Erst macht am 10. Juni Klaus Wowereit mit seinem Ausspruch «Ich bin schwul, und das ist auch gut so» auf sich aufmerksam, dann tritt am 1. August die sogenannte Homo-Ehe in Kraft.

Wowereit mit seinem Mann

© DPA

«... und das ist auch gut so»: Klaus Wowereit (r) und sein Lebensgefährte Jörn Kubicki.

Zehn Jahre ist dieser «schwule Sommer» nun her. Sein Ende kam jäh. Plötzlich - am 11. September - scheint die Zeit vorüber für warme Worte, Gesten und Gesetze. Angriff auf die USA, Krieg gegen den Terror. Sogenannte weiche Themen müssen in schwerer Zeit weichen. Wirkt der Sommer 2001 trotzdem bis heute nach?

«Er war ja nicht irgendein Politiker, sondern einer, der noch was werden wollte, und unmittelbar vor der Wahl stand», sagt Martin Munz, Vorsitzender beim Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) über das damalige Echo auf den SPD-Politiker Wowereit, der bis heute Regierender Bürgermeister von Berlin ist, und der in diesem Herbst wiedergewählt werden will. «Seine Offenheit wurde belohnt, weil erfreulich viele Heterosexuelle sein Coming-out als Fortschritt und Ausdruck neuer deutscher Lockerheit empfunden haben», meint Munz. «Es war das Signal für viele Homosexuelle, dass die Zeit des Versteckens - zumindest in den Großstädten - endgültig vorbei sein konnte.»

In seiner Autobiografie «...und das ist auch gut so» schreibt Wowereit: «Ich war erleichtert, hatte aber keine Ahnung, was passieren würde (...) Es brach ein Orkan los, den ich mir in meinen wildesten Träumen nicht hätte ausmalen können (...) Das Beste aber war: Alle überschlugen sich vor Nettigkeit. Ich hatte Mut bewiesen und die Sympathien auf meine Seite gezogen.»

Munz vom BLSJ, der mit seinem Mann in Hamburg lebt, ergänzt: «Wir warten immer noch auf die Spitzenpolitikerin, die sagt: "Ich bin lesbisch, und das ist auch gut so." Das steht uns noch bevor.»

Seit gut zehn Jahren untersucht ein Team an der Universität Bielefeld die Vorurteile der Deutschen gegenüber bestimmten Menschengruppen, darunter Juden, Migranten und eben auch Homosexuelle. Nach der neuesten Befragung von 2010 finden 16 Prozent der Deutschen Homosexualität «unmoralisch».

Das Nein zur «Homo-Ehe» ist auf einem Tiefstand: Aktuell hat genau ein Viertel der Befragten etwas dagegen, dass Schwule und Lesben (so etwas ähnliches wie) heiraten dürfen. 2002 vertraten noch gut 40 Prozent diese Meinung. Die Aussage «Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen» bejahten 2010 immerhin 26 Prozent, 2002 waren es noch gut 33 Prozent.

«Die ablehnende Haltung gegenüber Homosexuellen hat in den vergangenen Jahren stetig nachgelassen», sagt Andreas Zick, der an der Studie maßgeblich mitarbeitet. Ursache sei wohl auch «die lange Reihe positiver Einflussnahmen zugunsten von Homosexuellen» - zum Beispiel die Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft. «Diese Anerkennung des Staates setzt sich langsam in der Bevölkerung durch.»

Doch 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sahen die Bielefelder Forscher eine wachsende Ablehnung der Gruppen «Juden» und «Homosexuelle» - und zwar bei denen in der Bevölkerung, die sich vor dem Abstieg fürchteten. Erklärungsversuch: Manche sahen die beiden Minderheiten unbegründeterweise als «Krisengewinner», die die wirtschaftlichen Nöte scheinbar kaum betreffen.

Mittlerweile sagt Zick jedoch: «In Deutschland liegt die öffentliche Diskussion inzwischen so stark bei Integration und Religion, dass andere Gruppen wie Homosexuelle aus der "Schusslinie" geraten.»

Doch nicht überall: Im sächsischen Landtag wetterte vor kurzem beispielsweise die NPD, gleichgeschlechtliche Beziehungen seien eine «Panne der Humanevolution». Und nicht nur Rechtsextreme, auch Ultrakonservative fast aller Religionen sind feindselig und pflegen ihre Homophobie. Lesbisch? Schwul? Gut so? Wenigstens «auch in Ordnung»? In manchen Kreisen ist das kein Konsens.

Andreas Zick in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.), «Deutsche Zustände - Folge 9», edition suhrkamp 2616, 348 S., Euro 15, ISBN: 978-3-518-12616-5

Klaus Wowereit: «... und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik», Heyne Verlag Taschenbuch, 288 S., Euro 8,95, ISBN: 978-3453600904

BLSJ

© DPA

 

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